Donnerstag, 26. Juli 2007

Ti amo...

Der Sommerkurs ist zu Ende. War noch mal eine weiter geile Erfahrung, die ich hier oben machen durfte. Zuerst war ich allerdings mächtig traurig, als alle mit denen ich das Erlebnis Svalbard geteilt hab nach hause geflogen sind…aber dann musste ich auch wieder grinsen, da ich ja geblieben bin, mein Märchen noch nicht zu Ende ist und der Traum in Kapp Linné weiter ging! Nicht ohne Stolz kann ich abschließend vermelden, dass ich 50 %iger Bestandteil einer zwei Mann starken Bohrmannschaft war, die das zweittiefste Bohrloch in einem rock glacier (zu Deutsch: Blockgletscher) in Spitzbergen ever gebohrt haben!!!!



Doch zurück in Longyearbyen vergingen die letzten Tage fast wie im Flug wenn ich schlafe. Irgendwie ist aus meinem geplanten Packen vor Kapp Linné ja nix geworden, jetzt musste also mein ganzes Zimmer geleert werden und ich durfte nur 20 kg mitnehmen – Mission Impossible…auch nachdem zwei fette Kartons gefüllt waren, kam mir mein Zimmer immer noch relativ eingerichtet vor. Einen Tag und 1100 NOK später sind aus dem häuslichen Durcheinander mit gewissser Ordnung, das sechs Monate mein Heim war, steril saubere 10 m² geworden. Verdammisch im Januar sah mein Zimmer noch so hässlich und unbewohnt aus…
Jetzt ist das passiert, wovor ich die ganze Zeit ein wenig Angst hatte und ich es immer wieder und vor allen Dingen weiter vor mir her geschoben habe: Ich musste Spitzbergen verlassen! Ich habe diese große kleine Insel in einem halben Jahr dermaßen zum knuddeln gewonnen… Trotzdem denke ich, dass es richtig ist (leider schon war) jetzt adieu zu sagen, denn Mann soll immer gehen, wenn es am schönsten ist. So viele Erfahrungen und Erlebnisse werden für immer in meinem Herzen sein, wo immer es auch gerade schlägt. Ich werde wiederkommen und das ist nicht eine dieser Floskeln, die man zum Abschied noch so gerne anhängt. Ich muss sagen, dass ich mich hier oben pudelwohl gefühlt habe, auch wenn mir klar ist, dass ich hier nicht leben könnte. Mein himmlisch hässliches Bettzeug mit Sonnenuntergängen und Palmen am Strand wartet in einer unscheinbaren grauen Sporttasche auf dem Speicher von Brakke 13 auf mich. Es ist nur ein Abschied auf Zeit…Es ist immer schwer, das Gefühl des Abschieds zu beschreiben – als ich in den Bus stieg um von einem (neu gewonnenen kleinen) zuhause in mein andres zu kommen, war es irgendein Cocktail aus totaler Leere und ganz vielen Sachen, die ich mit dem verbinde, was ich gerade verlasse; auf jeden Fall war es Trauer. Selten habe ich mich so mies gefühlt…nicht nur dem armen Italiener gegenüber, der jetzt nach so vielen gemeinsamen Monaten noch eine ganze Woche alleine seine Pasta kochen muss. Das ist auch eine der tausend Sache, die ich auf jeden Fall in guter Erinnerung behalten werde: Wenn du jemandem erzählst, dass du quasi sein halbes Jahr lang jeden Tag Nudeln gegessen hast, werden dir meist nur ein paar bemitleidende Augen entgegen gucken (vielleicht bekommste von Verwandten noch 5 Euro für was „Anständiges zu Essen“…) – aber hier ist der Unterschied, der auch mir wenn ich noch so viele Male in Italien war, nicht bewusst war: Italiener kochen keine Nudeln – sie zelebrieren sie! Und jedes Mal, wenn die fertig abgegossenen Nudeln wieder im Topf landen und formvollendet mit Olivenöl beträufelt werden, strahlt dir das Gesicht eines Künstlers entgegen, der sein Werk vollendet hat. Allein diese Erfahrung, wäre die Reise wert gewesen!
Was habe ich noch gelernt? Natürlich habe ich, da ich ja „primär“ zum studieren nach Spitzbergen bin, auch ne Menge über Geologie gelernt; wobei ‚Menge’ als Begriff bei weitem nicht ausreicht. Ich habe einen ganz neuen Einblick erhalten, in das, was ich - um ehrlich zu sein - in Mainz oft als ziemlich aussichtslos und sinnfrei betrachtete…so zu sagen habe ich meinen Horizont erweitert (sagt das nicht der Vater zu seinem kleinen Sohn in ‚Ritter aus Leidenschaft’, als er ihn auf das Floß schickt?!). Also ganz im Erst, ich denke schon, dass ich jetzt mehr Plan vom Business (eigentlich will ich ja nur bus schreiben, aber dann versteht keinen was ich sagen will…) habe. Man kann meinen Fortschritt in Wissen und auch in Zielsetzung fürs Leben durchaus und ohne mit der Wimper zu zucken mit der Industriellen Revolution oder dem Wirtschaftwunder in Deutschland gleichsetzten. Klingt krass, war es aber auch. Was hab ich in sechs Monaten quasi Nordpol noch gelernt?
-25° müssen nicht immer kalt sein, +5° können aber scheiße kalt sein; einmal erfroren, frieren Zehen schneller (haben sie also ein Gedächtnis? Sind unsere oft mit Käse gleichgesetzten 10 Freunde also intelligente Lebewesen?); ob es draußen dunkel oder hell ist, kommt nicht auf die Uhrzeit, sonder auf die Jahreszeit an; ein Tag kann länger als 24 Stunden sein, eine Nacht ebenso, daher hört der Tag nicht mit der Nacht auf und diese nicht mit dem Tag – meistens jedenfalls…; in ein 10 m² Zimmer passt sau viel Zeug; sobald mehr Leute als die Person, die für Ordnung sorgt in dem Zimmer für länger als eine Stunde sind, gibt es grandioses Chaos (dieser Zustand kann bei einer Gesamtpersonenanzahl von drei – besonders wenn sie alle aus der gleichen Familie stammen – innerhalb von Minuten erreicht werden); wenn draußen ein Baby schreit, ist es meistens kein Ausgesetztes, sondern ein arktischer Fuchs; Möwen im Flug zu fotografieren ist eine verdammt frustrierende Angelegenheit; Norweger können kein gutes Bier brauen; wenn auf dem Wasser Eisberge schwimmen, kann man darauf schließen, dass das Wasser recht kühl ist; mehr Wellen machen mehr seekrank; je weiter du den Berg hoch läufst, desto weiter kannst du ihn auch wieder runterfahren; egal wie viel Uhr es ist, wenn es irgend möglich ist, gehste Ski fahren; es gibt keine Eisbären auf Spitzbergen! Alle die das Gegenteil behaupten, sind von den Tourismusbüros bestochen worden und die ominösen Fotos sind in unterirdischen Geheimlabors, die von Spitsbergen Travel gesponsert werden, entstanden…Eins möchte ich euch allen noch ans Herz legen: Wenn es draußen sehr kalt ist und ihr einen warmen Tee mitnehmen wollt – freut euch nicht zu früh! Zuerst versuchte ich es mit diesen Thermobeuteln für Siggflaschen mit der Erkennnis, dass der Tee zwar warm bleibt, aber die Gummidichtung bei ungefähr -10°C zufrieren kann… Ähnliches passierte mit den Mundstücken von Camelback-Trinkblasen. Trotz Neopren-Schlauch um den eigentlichen Trinkschlauch herum, kann das deppe Mundstück zufrieren, wenn nur ein Tropfen hängen bleibt. Und wenn das Mundstück nicht vereist, dann friert wenigstens der Reißverschluss des Neoprenschlauches zu, was einem dann auch nicht weiter hilft…einmal zugefroren kann man sie mit Atemluft zwar wieder auftauen, aber sobald man 5 Minuten nicht trinkt und den Reißverschluss nicht wieder bewegt, ist das Ding wieder zu – ein Teufelskreis also…Am mit Abstand frustrierendsten war allerdings die Erkenntnis, dass auch Thermoskannen zufrieren können. Nimmt man schon mal son schweres Gerät mit auf den Berg, freut man sich ja auch richtig auf den waren Tee. Zuerst versuchst du mit Handschuhen den Verschluss zum Drehen zu überreden, sollte das trotz aller Anstrengung nicht klappt, zieht man schon mal in Anbetracht des wärmenden Tees die Handschuhe aus. Doch auch mit Innenhandschuhen macht der Deckel keine Anstalten sich zu drehen – egal in welche Richtung. Mittlerweile sind die Finger auch schon so taub, dass man eigentlich weiß „man sollte die Handschuhe wieder anziehen“ und der warme Tee ist immer noch sicher geschützt vor der Kälte in seiner Thermosflasche. Einmal glaubte Marco meinen Thermoskannenverschluss-aufdreh-Fähigkeiten nicht so ganz mit dem Ergebnis, dass wir nach seinen gescheiterten Versuchen mit und ohne Handschuhen mit vier halb erfrorene Hände an einer vollen Thermosflasche mit warmen Tee drehten, zogen und drückten…es nützte nix! Also Kinder gebt fein Acht, wenn ihr sicher sein wollt überhaupt was zu trinken zu haben, immer mehr als eine Thermosflasche, Siggflasche oder Camelbag mitnehmen. Lustig aber wahr: Meine kleine 0,5 Liter stille Wasser Flasche, die ich mir schon auf dem Hinflug in Oslo gekauft habe, ist nie zugefroren. Allerdings war da der Tee auch nie lange warm…
Was will ich euch noch ans Herz legen? Aurora Borealis - Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als Nordlichter! Es fehlen einem schlicht die Worte, dieses Naturspektakel angemessen zu beschreiben.
Was werde ich vermissen? Sehr viel – keine Frage! Die Leute natürlich, denn meistens verbindet man ja eine Erfahrung an einem bestimmten Ort mit bestimmten Leuten. Hier kommt noch hinzu, dass die meisten ja schon irgendwie dieselben Interessen haben, sonst wären sie wohl an den falschen Ort geflogen. Vergleichen kann man es vielleicht am ehesten mit einer großen Konzertreise von Querflötenspielern und Querflötenspielerinnen, da haben auch offensichtlich alle dasselbe Interesse (zusätzlich zu dem vom Querflötenspieler an der Querflötenspielerin…). Was werde ich noch vermissen? Ich denke es sind vielmehr die kleinen Dinge, die man im Alltag zuhause schnell vergisst und oder gar nicht erst hat. Da ist zum Beispiel das Checken vom Wetter bevor ich raus gehe – und mit einer Regenjacke oder gar einem Schirm ist es da nicht getan gewesen. Oder aber das taube Gefühl in den Fingern, wenn man noch schnell ein Foto am Gipfel machen wollte…die Finger keineswegs mehr das machen, was sie sollen, nicht mehr die Fingertaschen im Handschuh treffen, und ganz besonders den stechenden Schmerz, bei dem einem der Atem fast stockt, wenn die Dinger wieder nach einer kleinen Ewigkeit zu sich kommen. Neben der Tatsache quasi jeden Tag draußen zu sein, fehlt mir jetzt schon die kleine Skitour am Nachmittag. Einfach Lawinenbeeper umschnallen, noch was Warmes zu trinken eingepackt, den allzeit bereiten Rucksack mit Schaufel, Sonde und Extraklamotten geschultert, Waffe hat der Johannes, die Skier vor der Haustür angeschnallt und dann den Puls von 0 auf 100 in 180° (Zitat Maris W.) hochschnellen lassen. Ja, das vermisse ich…

So liebes Tagebuch – das war mein Spitzbergen-Abenteuer. Das Abenteuer ist vorerst (!) zu Ende, doch die Erinnerungen werden bleiben. Schließen will ich nicht ohne meiner Besten Mama die ich je hatte, meinem Papa und nicht zuletzt dem Desterderz zu danken, weil sie mir geholfen haben und es ermöglicht haben, dass ich meinen Traum leben konnte und weiterhin kann.

Nimm nie die 2 wenn du die 3 bekommen kannst. Just go for it!

Samstag, 7. Juli 2007

Wenn jetzt Sommer wär..


Was ich bei den ganzen Rückblicken ganz vergessen hab, war eine Reihe an ausschweifenden Skitouren bevor ich nach Kapp Linné aufgebrochen bin.
An Johannes letzten Abend haben wir uns zu einer vorerst letzen gemeinsamen Skitour aufgemacht. Verdammisch, so eine fette Zeit geht vorbei, einfach nach der Uni für ne kurze Tour aufzubrechen. Morgens, mittags, abends, Montag bis Sonntag, 24-7. Nun also eine letzte Tschüss-sag-Tour…Eins der sechs streng rationierten Becks aus dem Heimatlande kam mit und hat sich auf den gewohnten Weg hinauf den Gletscher gemacht. Mir wird auch bewusst, mist, in Kürze muss ich auch diesen Weg gehen…und jetzt wo ich diese Zeilen niedertippe, wird mir schon ein wenig schwach ums Herz. Naja aber diese Tour haben wir nochmal richtig genossen, von A bis Z, von Alpha bis Omega. Und zum krönenden Abschluss der Tour konnte ich eines der wohl nördlichsten getrunkenen Becks genießen.


Am Tag der letzten Klausur (wo abgerechnet wird) haben wir, als alles geschafft war, hoch auf den Larsbreen, eine kleine Schanze gebaut. Zu dem befreienden Gefühl nach jeder Klausur kam noch die Leichtigkeit beim Flug eines jeden Vogels hinzu. Der einzige Unterschied vom Skisprung zum Flug eines normal begabten Vogels ist die Landung, die oft so unsanft und relativ plötzlich kam. Besonders die Disbegabtheit und Diskoordination von Körper, Kopf, Füßen und Skiern war bisweilen echt krass. Trotz dessen entstand manchmal eine Harmonie aller Komponenten und es sah fast gekonnt aus. Mitunter kam es zu recht lustigen Sprüngen, wenn man sich vorher etwas vornimmt und einen quasi auf der Schanze der Mut, das Gefühl für die Bewegung oder gar beides (ganz schlecht) verlässt. Vor allem bei Drehungen, wo man vor der Schanze schon mit der Bewegung anfangen sollte, kann so einiges schief laufen. Und schnell werden aus angepeilten 180° nur 90° und Mann stoppt recht ruppig quasi bei der Landung oder es werden einfach mehr als 180°, die aber das gleiche Stop(p)-Erlebnis mit sich bringen.


Eine weitere fette Tour, die ohne weiteres in die Top 5 von Spitzbergen einzuordnen ist, hab ich direkt vor Kapp Linné gemacht. Schon einige Male hab ich mich auf den Weg zum Nordenskiölden toppen gemacht, aber entweder haben wir uns anders entscheiden, eine andere Route gewählt oder aber das Wetter hat nicht weiter mitgespielt. Jetzt sollte alles klappen. Das geile am Berg, dass er nämlich ein bisserl höher ist als die Umgebung, ist man beim Aufstieg fast am bereuen - der dauert nämlich um einiges länger.

Unglaublich warm war die Sonne. Krass noch vor ein paar Wochen hab ich ganz schön was beim hoch latschen angehabt und jetzt…ein Woll-Longsleave und die Sonnenbrille! Ich kann mich an wenige Orte erinnern, wann ich mal sooooo weit sehen konnte - bis zum Nordpol und auf der andern Seite wieder runter. Von oben konnte ich noch mal mein kleines Tal bewundern, so klein aber fein; jedes Mal, wenn man irgendwohin läuft, sieht man wieder etwas Neues. Die erste rosa Blume am Wegesrand, ein paar frische Grashalme oder einfach nur die Banane vom letzten Herbst, die den Winter unterm Schnee verbracht hat. Aber wieder zurück zum Berg. Am Gipfel genießen wir nach dem ganzen Winter die warmen Sonnenstrahlen. Wenn Eivind nicht noch arbeiten müsste, ich wäre wohl noch auf dem Gipfel - bis die Sonne am Ende wieder untergeht. Aber trotz der ganzen Sonne und dem sich anbahnenden Frühling Schrägstrich Sommer, will und kann ich mich mit dem Gedanken (noch) nicht abfinden, Schnee wohl bis November oder gar Dezember nicht mehr sehen zu können, wenn ich diese Insel verlassen muss. Irgendwie werde ich beim Schreiben schon traurig. Komisch, aber auch das taube Gefühl in den Fingern, wenn man bei Wind und 10, 15 Grad Minus seine Felle oben am Berg abmacht fehlt, wenn man nicht fühlt, ob alle Finger wieder im Handschuh sind…und das schmerzende Kribbeln, wenn nach vielleicht zehn Minuten die Finger und Hände wieder auftauen. Man möchte am liebsten schreien, aber erstens hilfts ja nix und zweitens hört einen ja auch niemand…komisch, aber das sind Sachen, die mir wohl fehlen werden. Also wieder zum Berg zurück. Traumhaft…auch wenn der Schnee nach unten nicht mehr ganz so gut ist, wie noch vor oder nach Ostern, aber das Gesamtkonzept stimmte halt einfach total.

Lost in Translation


Endlich ists rum…so viel ist stehen und sitzen geblieben in den letzten Wochen, da weiß ich gar nicht, wo ich mit dem Nachholen anfangen soll.
Vielleicht bei der großartigen Cruise, die wir auf und mit der R/V Jan Mayen hatten. Man sollte ja denken, dass einem auf größeren Schiffen nicht übel werden würde – um es vorweg zu nehmen: dem ist nicht so, dem ist sogar gar nicht so! Und ist einem erst mal übel, ist es schon zu spät, denn die Seekrankheitstabletten wirken erst nach drei Stunden. Hat man diese drei Stunden erfolgreich ohne größere Nahrungsrückgabe überstanden, ist es allerdings noch nicht vorbei – jetzt wirken nämlich die Tabletten! Wie auf Droge fühlt man sich (es spricht der Fachmann) und verdammt müde wird man auch noch! Ich hab also mal so ziemlich 24 h auf der Brücke neben dem sich abwechselnden Kapitän aufm Sofa gesessen und konzentriert den Horizont angeschaut. In meine kleine Kajüte hätt mich keiner gebracht. Besonders schlimm war es in kleinen Räumen, wie zum Beispiel der Dusche. Duschen soll ja erfrischend, erholsam sein – kein Meter, kacke wurd mir übel…
Irgendwann war auch das durchstanden und ich konnte mich wieder meinem glücklichen Studentendasein widmen. Das ist echt Wahnsinn, die meisten Studenten (zumindest zuhause) haben wahrscheinlich noch nie was von den ganzen Bohrgeräten gehört, weder sie gesehen noch benutzt und wissen auch wohl nicht was man überhaupt damit anfangen kann. Ich schätze mich in der überglücklichen Situation, alles das gelernt, gesehen und auch benutzt zu haben.
Während der Cruise wurde durchgängig in sechs Stunden Schichten gearbeitet. Da ja 24 h die Sonne scheint und man auf dem Meer ohne Land in Sicht schnell mal vergisst wo links und rechts ist, kam es nicht selten vor, dass man einfach keinen Plan hat, ob jetzt für einen die Abend- oder Morgenschicht anfängt. Uhren mit Zifferblättern tragen nicht zur geistigen und körperlichen Orientierung bei…Mit großer Verzückung denke ich an einen kleinen Ausflug nach Ny Ålesund zurück, einer kleinen Forschungsstation verschiedener Nationen mitten im Nirgendwo. Doch obwohl der Schnee und die Gletscher eventuell den Schluss zuließen würden, dass das Wasser auch hier oben bei fast 80° Nord relativ kühl ist, wollte ich mich mit dieser einfachen Kombination nicht zufrieden geben und musste der Sache auf den Grund gehen. Zusammenfassend und abschließend kann ich jedoch vollstens den ersten Eindruck bestätigen – das Wasser ist echt sau kalt…

Zeitreise – Die Mama kommt mit dem Dödel
Gleich ein paar Stunden nachdem sie abends gelandet sind, habe ich sie noch mal in die alte Mine gezerrt. Doch nach einigen Metern muss sich die tapfere Mama einem für ihr hohes Alter angepasstem Tempo beugen. Obwohl es unglaubwürdig erscheint, wird mir versichert, ihre aktive Walking-Kariere im Ober-Olmer Wald sei noch nicht beendet…Zugute halten muss man ihr aber wirklich, dass der Schnee schon angetaut war und man so ziemlich tief einsinkt bei jedem Schritt, was die Sache an sich nicht gerade weniger anstrengend macht. Endlich sich den Hang (oder sollte ich respektvollerweise Berg sagen) hoch gequält, genießen wir die Mitternachtssonne zu später Stunde in unseren Gesichtern. Ich glaube, ich lebe in ihren Augen in einer verrückten Welt…

Nachdem das ja mit dem „Wandern“ schon ganz ok (sorry Mama, aber mehr kann ich dir echt nicht bescheinigen) gelaufen ist, machen wir uns am nächsten Tag zur Eishöhle auf. Vielleicht waren es ein, zwei Minuten länger, als die von mir versprochenen anderthalb Stunden, aber meine Überredungskünste und Beschwichtigungen, dass ich die Mama nicht zum Herzanfall treiben will, werden auf eine harte Probe gestellt…die Eishöhle geht wieder ab und beruhigt Körper, Geist und Seele. Auch wenn ich schon das dritte Mal da war, immer wieder wunderschön diese Eisformationen zu sehen. Doch irgendwie kann ich weder den Dödel (der mit Sicherheit zum ersten Mal in ihrem Leben brauner ist als ich) noch die Walking-Expertin ausm heimischen Wald für eine weitere Tour in den verbleibenden Tagen überreden. Die Ausrede Muskelkater seit vier Tagen von zwei Stunden stapfen zu haben kann ich nicht wirklich glauben…Insgesamt haben wir ein paar richtige schöne Tage auf meiner kleinen großen Insel.


Nach meinem Lawinen-Projekt kommt der unangenehmere Teil jeden Semesters – die Klausuren. Es wird mir wohl bis ans Ende meines Studiums ein großes Mysterium bleiben, warum immer alle Klausuren versuchen möglichst nah beieinander zu liegen, mit Romantik hat das reichlich wenig zu tun. Die Zeit in der ich lerne, lerne ich (ach was…); irgendwie gibt es aber zwei Lager: die einen waren wochenlang nicht mehr draußen, lernen die ganze Zeit wie Depp. Das Zweite Lager, was deutlich kleiner ist, lernt kaum was und versucht mir ständig zu erklären, dass es doch alles toooootal einfach ist und sie nicht verstehen würden, warum alle lernen. Wie so oft liegt das frowe Maase in der goldenen Mitte und Wilhelm Tell trifft den Apfel. Warum auch immer, jedenfalls gibt es am Ende nur drei Noten (2, 3, 4). Ob das jetzt daran liegt, dass es für die, die nicht gelernt haben so einfach war und / oder für die, die viel gelernt haben, so schwierig war, reiht sich nahtlos in die Liste Spitzbergens Mysterien ein. Ich hab die goldene Mitte und freu mich kugelig über all die Skitouren, die ich gemacht hab und andre nicht…am Ende wird abgerechnet (wie die Bräunungskette) und da muss ich sagen, hab ich alles richtig gemacht. Nach der zweiten Klausur hab ich eine Woche frei, die auch dringend von Nöten war.
Mittlerweile hat der Sommerkurs angefangen und wir sind nach Schießtraining, Einführung und kleiner Exkursion nach Kapp Linné aufgebrochen. In kleinen offenen und sau schnellen Polarcirkel Booten ging es in Survival-Ganzkörperanzügen ab in diese alte Radiostation, wo ich jetzt zwei Wochen lang untergebracht bin. Hier gibt es (zumindest für uns Studenten) keine Internetverbindung, also werde ich das Niedergetippte erst bei meiner Rückkehr in die Zivilisation der Stadt in Longyearbyen hochladen können. Wenn ich wieder in Longyearbyen bin, hat bereits die letzte Woche meines großen (Studium-)Abenteuers begonnen…ich will noch gar nicht dran denken. Ich genieße jetzt noch mal richtig meine zwei Wochen hier in Kapp Linné. Gestern Abend hab ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Wal gesehen! Eine Gruppe von ungefähr zehn Belugawalen patrulierte (wie schreibt man das…) keine 20 Meter vom Ufer entfernt, wo der Vogel stand…imposante Tiere und mit ihrer weißen Farbe tragen die noch zur „Imposantität“ bei. Geil, jetzt fehlt nur noch der Eisbär…

Sonntag, 10. Juni 2007

Doping am Nordpol

Eric Zabel hat es getan (wenn auch nur eine Woche), Bjarne Riis ist damit sogar Tour-Sieger geworden, Christian Henn, Rolf Aldag, Brian Holm und Bert Dietz runden die Gruppe von Doping-Geständigen ab. Bisher – es kommt ja noch Jan Ullrich, der es aber noch nicht zugeben will. Man sieht also eine elitäre Gruppe vor sich.
Da es hier oben keine überregionale Presse, geschweige denn Presseraum, gibt, muss ich so an die Öffentlichkeit treten – stellvertretend für die meisten Jungen und Mädels hier oben: Ja, wir dopen auch! Wahrscheinlich kann EPO in dem vorliegenden Fall ausgeschlossen werden, dennoch ist das System, das dahinter steht, breit gefächert. Eine kleine Tablette hier, ein Zaubertrank dort und wieder ein kleines Pulverpäckchen hier und dort. Die Rede ist von vorsätzlichem und verstecktem Vitamin-Doping!

Angefangen hat es direkt in der ersten Woche: Unter dem Vorwand der Dunkelheit, sollte man extra Vitamine zu sich nehmen. Doch meine kleine Vitamin-C-Packung wurde nur müde belächelt – Vitamin D sei wohl das Zauberwort in der dunkeln Zeit. Also wurde noch schnell eine kleine Packung Vitamin D im örtlichen Laden erstanden. D wie dunkel und D wie Doping…Die gerissene Dopingmaffia war trotz Dunkelheit nicht müde geworden weiteres Doping unter die neuen Inselbewohner zu streuen. Kurz darauf bekam ich meine erste Milchpackung mit „extra Vitamin D“. Das neue Haar Shampoo (ohne Stiftung Warentest-Siegel…) enthielt Vitamin B5 und die Körperlotion neben dem Schleiernamen „Aloe Vera“ auch noch Q10. Q10 wurde bereits im vorletzten Jahr in einem kleinen Haus in Italien getestet und zur Hautfältchenstraffung der Augenlieder nach einer langen Nacht eingesetzt – mit glättendem Erfolg. Doch Deutschland schlief ja auch nicht und so nutzte ein Pharmazeutisches Unternehmen den mediterranen Frühling aus, um eine „Olivenöl Intensivcreme“ auf den Markt zu bringen. Der zweite Blick sieht das Kleingedruckte: mit Retinol + Vitamin E.
Bei solchen Machenschaften geraten die alltäglichen Mittelchen wie Magnesium nach dem Sport und die ALDI-Multivitamintabletten, die einem dubiose 125% der empfohlenen Tagesdosis der enthaltenen Vitamine geben sollen, fast in den Hintergrund.


Die richtigen Norweger (und ein nicht typischer Italiener) nehmen noch bevor sie morgens richtig zu atmen anfangen einen Esslöffel Tran. Soll ja gesund sein und damit sind schon einige Generationen Norweger groß geworden. Aber so was Krasses hab ich lange nicht versucht zu schlucken! Da kann ich ja gleich in einen Fisch, der schon drei Tage in der Sonne suppt beißen. Vielleicht nicht so nahrhaft, aber der Geschmack ist wohl der Selbe…um es kurz zu machen, der Tran und der Vogel wurden keine Freunde – gar keine! Um dieses Vitamin-Defizit aber wieder auszugleichen nehme ich jetzt seit ein paar Wochen erfolgreich Sana-sol aus Kindertagen. Damit ist es wohl so wie mit so vielen Sachen auf der Welt: schmeckt zwar gut, wird jedoch wohl nicht so viel helfen…aber das kotzen am Morgen fällt zumindest weg!
Der Gipfel der Betrügereien stammt wieder aus Deutschland: Bräunungscreme versteckt in Bodylotion, anzuwenden nach dem Duschgang…Als ich nach zweifacher Anwendung, neben braunen Flecken an den Händen (woher soll ich denn wissen, dass Mann sich nachher die Hände waschen soll) auch den oberen Rand der Boxershorts (bis wo ich eingecremt hatte) deutlich sehen konnte, setzte ich die suspekte Bräunungsquelle sofort wieder ab. Komm ich vielleicht weißer zurück nach Deutschelande wie ihr alle, aber in einer Woche hab ich euch alle wieder am Sack! Abgerechnet wird am Schluss.

Szenenwechsel: Die letzten Wochen waren sehr arbeitsreich (was nur bedingt eine Entschuldigung für mein Nicht-Schreiben sein soll): Ich hatte zwar drei Wochen lang keine Uni, wir mussten / durften freilich aber ein Term Projekt schreiben. So hab ich mit zwei andren drei Wochen mich intensiver um einen Hang und dessen geomorphologischen und meteorologischen Besonderheiten in Bezug auf Lawinen auseinander gesetzt. Zwischendurch waren zur Krönung auch noch meine Mama und der Dödel hier. Aber davon muss ich die Tage nochmal ausführlicher erzählen…nur soviel: Muskelkater vier Tage lang von anderthalb Stunden laufen…

Naja kaum waren der Projekt-Bericht im Kasten und die Präsentation gehalten, stand die erste Klausur an. Dienstag steht die zweite an – kaum Zeit zum durchschnaufen. Trotzdem hab ichs gepackt gestern und vorgestern nochmal zum Skifahren zu kommen um den Kopf auch mal wieder frei zu bekommen. Nach Dienstag hab ich endlich eine Woche frei – muss zwar für den Sommerkurs der am 18. anfängt noch einiges machen, aber ein paar kleinen Touren müssen einfach sein. Für Körper, Geist und Seele…auch ne Art Doping!

Dienstag, 22. Mai 2007

Chill and Grill

Ich muss aus gegebenem Anlass Jacques Cousteaus Abenteuer und meine geologischen Erkenntnisse 20.000 Meilen unter dem Meer ruhen lassen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben…
Freitag war ein traumhafter Tag: Das allwöchentlich Friday Gathering konnte nicht wie gewohnt in der Kantine stattfinden, weil die für irgendeine andere Feier gebucht wurde. Wohin gehen also? Ein Doktorand (oder so was ähnlich Schlaues) kam auf die grandiose Idee runter zum Strand an den Segelclub zu gehen um dort zu grillen. Chill and Grill also am Strand; doch wo war der Strand – ah da, unterm Schnee…

Bevor man in Italien wirklich Frühling haben kann, muss Berlusconi erstmal Frühling anordnen. Ähnlich läufts hier: Sysselmannen sagt ‚es soll gutes Wetter sein’ und pünktlich zum Nachmittag reist es auf, keine Wolken mehr, kein Wind mehr und die Sonne kommt raus – perfekte Bedingungen zum Grillen. Da geht’s schon wieder los: Spitzbergen ist jetzt nicht als die internationale Grillhochburg angesehen und das wird an der Fleischtheke, die eigentlich nur das Fleischregal ist, ziemlich klar…ich hab ja kein Lumb-Steak erwartet, aber irgendwas so zum lecker drauflegen wär schon sehr angenehm. Ein richtiger Fleischtheken-Fachverkäufer mit Herzblut und dickem Bauch tut hier mal not. Zu guter Letzt finde ich noch eine Packung Bauchlabbe, der mich wieder versöhnlich stimmt. Schließlich muss ja auch noch das nicht vorhandene Becks irgendwie kompensiert werden (auch wenn das nicht komplett möglich ist).
Der Abend wird grandios, es fehlt zum perfekten Kleinen Traum eigentlich nur noch die Palme, der Bikini und der Ball…ach ja und das Becks natürlich. Sonst sind alle Kleinen Träume anwesend!


Etwas Skurriles hat die Sache aber trotzdem, während des ganzen Abends scheint großartigerweise) die Sonne, schön wandert sie von links nach rechts über das Meer und die Leute tragen Sonnenbrillen. Grill und Lagerfeuer ergeben ja eine perfekte Symbiose, Schnee und Sonnenbrille auch, was spricht also gegen die Megaquadrat-Symbiose am Nordpol?!
Schließlich gehen noch ein paar wagemutige Leute (konnte mich gerade noch bremsen) schwimmen, in der Gewissheit dass es männlich erscheint, der Männlichkeit aber auch wieder bestimmt nicht soooo gut tut…
Neben dem Segelclub steht ein Holzgerüst - für bzw. von was auch immer. Ob es mal ein Haus werden sollte und dem Besitzer vor Fertigstellung eingefallen ist, dass er zwar jetzt ein Haus am Strand hat, es aber nicht wirklich zum alltäglichen Baden einlädt und deshalb seine Baupläne auf eine Eisscholle (die an seiner zukünftigen Terrasse vorbei schwamm) gelegt hat, bleibt unklar. Jedenfalls kommen wir auf die Idee von dem Gerüst zu springen und gegen die Sonne Fotos zu machen.


Zum Schluss noch ein Zitat vom oben sinnfreier Weise erwähnten Cousteau: „Die beste Weise, Fische zu beobachten, besteht darin, selber zum Fisch zu werden.“ Wer hätte das gedacht...

Freitag, 18. Mai 2007

Industrielle Revolution

Als technisch versierter und begabter Student habe ich (beinahe eigenständig…) nach Wochen und Monaten des harten Lebens im Paradies letztlich die Zeit und die Mittel gefunden, ein paar mehr Fotos in einem digitalen Fotoalbum zu bannen. Einfach auf den Kasten klicken und…was erzähl ich euch das überhaupt?!
Gerhard Kocher (*1939), schweizer Gesundheitsökonom


So, mach mich wieder auf das Paradies zu genießen…

Dienstag, 8. Mai 2007

Sonne, Sonne und nichts als Sonne

Bin die Tage nicht früher dazu gekommen zu schreiben, also mal ein kleiner Rückblick, quasi eine Retrospektive : Vorletzte Woche waren wir zu einer dreitägigen Exkursion in Kapp Linee, einer kleinen Radiostation in der Mitte des Nirgendwo. Die kleine Station ist eine Art Herberge, Unterkunft für Spitzbergen-Pauschal-Touristen und Anlauf- bzw. Ausgangspunkt vieler Exkursionen. Hier soll auch der größte Teil des dreiwöchigen Sommerkurses stattfinden, für den ich mich nach meinen beiden „normalen“ Kursen beworben hab – mal sehen was draus wird.
Jeder Student bekam einen eigenen Scooter für die Fahrt gestellt, um das ganze Gepäck und das Equipment für die verschiedenen Messungen zu transportieren, wurden noch zehn Schlitten an die Scooter gekoppelt. Aus den wohl normalen drei, vier Stunden Fahrt wurden knappe fünf, so cool Scooterfahren auch sein kann, aber nach dem zwanzigsten Tal, dem relativ eintönigen Brumm-Geräusch des Motors und dem ganzen Wackeln vom Lenker ist man doch irgendwann ziemlich fertig. Schon zum totlachen, da fährt man fünf Stunden, um aus der "großen Stadt" herauszukommen und merkt dann, dass sich hinter dem Namen Kapp Linee nicht viel mehr als drei Hütten und eineinhalb Häuser verbergen. Die stehen da einfach so, ohne Straße, ohne Weg, einfach eine Hütte am Meer. Leider fehlt irgendwas um wirkliche Sommerstimmung aufkommen zu lassen...


Am späten Nachmittag machen wir uns dann wieder mit Scootern auf Feldarbeit. Das ist schon so unbeschreiblich anders als in Deutschland: Klamotten zusammen suchen, Extrasachen einpacken, heißer Tee ist auch nie verkehrt, rein in die Scooteroveralls, Sturmmaske auf, Helm, Skibrille (noch nicht aufsetzten, sonst beschlägt die, geht man dann raus, gefriert das direkt und man wirds nicht mehr los – meistens hat man also auch noch eine Ersatzbrille mit…), Unterziehandschuhe, Überhandschuhe und endlich geht’s raus zum Scooter. In einer langen Schlange geht’s dann auf, Richtung See, den ich nie als einen solchen erkannt hätte... Mit GPS hatten wir schon in der Unterkunft Wegpunkte festgelegt, denen wir jetzt folgen und in regelmäßigen Abständen Schneetiefenmessungen mit Lawinensonden machen. Gleiches machen wir auch am zweiten Tag über einen ganzen Gletscher. Neben den Messungen buddeln wir auch noch zwei Snowpits um eine Schneestratigraphie zu erhalten. Besonders interessant ist eine Methode, die ein Doktor aus Oslo benutzt, der uns für die Exkursion begleitet und in der vorangegangenen Woche geteacht hat: Hinter einem Scooter (was auch sonst…) zieht er ein Radar, das an ein GPS gekoppelt ist. Hinter dem Scooter ist ein ca. 10 m langer Schlauch, an dem zwei Empfänger montiert sind. Beginnt er mit der festgelegten Fahrt, sendet das Radar Impulswellen aus, die durch die Schneeschicht und das Gletschereis gehen und erst vom Gletscherbett reflektiert werden – es wird also die Eisdicke gemessen. Je nach Frequenz kann man auch Schneedecke separat oder „erwärmtes Eis“ auf der Reflektion erkennen. Die reflektierten Impulswellen werden an der Oberfläche von den beiden Empfängern wieder aufgenommen. Später hat man also dank GPS einen genauen Querschnitt durch das Gletschereis. Theorie ist das eine, aber so was wirklich mal draußen zu sehen ist schon was anderes. Hier wird einem auch bewusst, dass nicht das Arbeiten an sich hier oben das schwierigste ist, sondern viel mehr die nötigen Geräte an den bestimmten Ort zu transportieren und zum Laufen zu überreden. Kälte und Batterien werden wohl nie beste Freunde werden…Nach einer kurzen Mittagspause wollen wir noch mal einen Komplettdurchlauf am Stück über den ganzen Gletscher machen, doch hier haben wir die Rechnung ohne die Batterien, die eigentlich auch Akkus sind, gemacht. Zuerst sind die beiden Batterien der Empfänger– die keine sind - nicht mehr fit, als die ausgewechselt sind, nimmt das GPS keine Position auf, als dieses Problem dann noch irgendwie provisorisch behoben wird, streikt der Laptop, der gepolstert in einer Alukiste auf dem Schlitten festgezurrt ist: Um die Feldarbeit zu erleichtern, hat das gute Stück keine Maus, sondern ein Touchscreen – dumm halt nur, wenn das sich das dute Stück eine Erkältung durch die Zugluft zugezogen hat…da steh ich also, das gute Wetter hat auch die Lust am gut sein verloren, mit einem eingefrorenen Laptop in meinem Overall!


Das Wetter am nächsten Tag war großartig, keine Wolke am Himmel, überall nur weiß, dass man fast geblendet wird. Steht man dann noch auf dem riesigen See (den, den ich nicht erkannt hab) und hat diese flache Ebene (ist flache Ebene so was wie ein weißer Schimmel oder so was???) vor sich, ey das ist so schön!!! Durch den warmen Scooteranzug vergisst man fast - wenn man die Sonne genießt - dass es ja nicht gerade warm ist. Aber auch 15 Grad minus können sich wirklich richtig behaglich anfühlen - auch wenn das keiner von euch in Deutschland bei 30 Grad plus glauben will.

Die Rückfahrt wird am Mittag zur absoluten Farce: Anscheinend verbrauchten die Scooter durch die schweren Schlitten erheblich mehr Benzin als kalkuliert. Von UNIS begleitet ein Safty- und Logistik-Guide jede solcher Exkursionen. Aus irgendwelchen Gründen mussten wir in einer kleinen Hütte nahe dem See ziemlich viel von unserm mitgebrachten Extrabenzin für andere deponieren. Viele sind schon am Mittag des zweiten Tages leer gelaufen, so dass wir da schon auffüllen mussten. Obwohl ich weiß, dass der gute Logistik-Mensch mehr Ahnung hat als wir alle zusammen, kam uns alles schon ziemlich spanisch vor. Auf dem Weg zurück liefen von unseren 15 Scootern fünf leer, zusätzlich brachen auch noch drei Schlitten auf der ganzen Exkursion zusammen. Also saßen wir quasi am Ende mehr oder weniger immer zu zweit auf einem Scooter, der auch noch einen Schlitten zog. Ich denke mit viermal leer laufen war ich einsamer Spitzenreiter der Exkursion!
Wie lächerlich das ganze: Da wird bei uns Sicherheit immer ganz groß geschrieben, jede deppe Schraube zum Reparieren ist fünffach dabei, aber am Benzin verrechnet sich der Mann…zum Glück war ja gutes Wetter und alle kamen in den verbliebenen Scootern mit den letzten Tropfen in UNIS wieder an.
Themenwechsel - Hab ich mich so gefreut den Oli hier zu haben, aber leider hat er ne Erkältung oder irgendwas Fieses hier gelassen, dass ich direkt mal aus reiner Heimatliebe aufgeschnappt hab. Am Wochenende ging mit mir dann gar keiner mehr. Zurück in Nybien von der Exkursion hab ich mich quasi so wie ich war ins Bettchen gelegt und bin erstmal weggeschlummert. Irgendwann wurde ich wieder wach und hatte so was von überhaupt gar keiner Ahnung wie spät es war, denn in meinem Zimmer hab ich keine Uhr, mein Handy steckte noch irgendwo im Rucksack und der Laptop lag auch vom Bett unerreichbare zwei Meter weit weg. Wenn man noch nicht mal weiß welcher Tag überhaupt ist, ob ich zwei oder 12 Stunden geschlafen hab, ist es ein total komisches Gefühl. Der Blick aus Fenster sagte mir auch nur, aha es ist hell, wie eigentlich 24 h lang, also ist es noch nicht Herbst – mehr aber auch nicht…
Zeitsprung – wir waren die letzten fünf Tage mit der R/V Jan Mayen unterwegs – einem Forschungsschiff der Uni Tromsö, Wahnsinn, das als Student benutzen zu können und richtig mitzuerleben wie zum Beispiel ein Sedimentkern in über 1500 m Wassertiefe genommen wird, aber davon die Tage mehr.
Ich geh jetzt mal wieder meinen Sommernachtstraum genießen…