Samstag, 31. Januar 2009

Jede Münze hat zwei Seiten



So pessimistisch der Tag begonnen hatte, so optimistisch ging er weiter: Nachdem die morgendliche Schwäche überwunden war und auch der Fotoakku neue Stärke gewonnen hatte, sind wir nach Sverdrupbyen auf die andere Talseite gelatscht um eine automatische Kamera, die jeden Tag ein Bild von meinem Hang macht, in Augenschein zu nehmen. Ziel war es einen geeigneten Platz für eine zweite Kamera zu suchen, um zusammen einen möglichst stereographischen Effekt zu erzeugen. Wie das genau läuft weiß ich noch nicht, aber ungefähr müssen beide Kameras je nach Abstand zum Hang in einem bestimmten Abstand zueinander aufgestellt werden. Dabei sollten beide horizontal und auch noch ungefähr auf derselben Höhe platziert werden… soweit der Wunsch. Wenn man sich aber direkt im Hang befindet gestaltet sich die Platzsuche schon schwieriger, na ja Montag wissen wir hoffentlich mehr.
Außerdem wollte ich endlich mal ein paar mehr Bilder machen um einfach die Freundschaft zu meiner neuen Kamera zu festigen und wenn möglich zu vertiefen. Es sieht schon cool aus, wenn der feuchte Nebel über Longyearbyen liegt und du darüber stehst. Nebel und Straßenlaternen erzeugen zusammen ein recht sonderbares Licht. Nachdem sich der Nebel ein wenig versteckt hatte und ich noch ein paar Fotos von meinem Hang machen konnte, machten wir uns auf den Weg zurück. Ich schaute nach oben und eine Wolke kam mir sofort spanisch vor. Naja erstmal weiter durch den Schnee stapfen aber irgendwie…ne Wolke…ney, das sind ganz schwache Nordlichter! Es geht also wieder los, aber diesmal bin ich im Gegensatz zu all den Malen davor besser ausgerüstet. Leider werden die Nordlichter nicht wirklich stärker, aber man will ja nicht gleich zuviel fordern. Nach anderthalb Stunden kniend im Schnee, steif gefrorenen Handschuhen und kalten Fingerspitzen hab ich ein paar coole Fotos hinbekommen. Allerdings ist es wie sooft – am kleinen Kamerabildschirm denkt man, man hat das perfekte Nordlichtbild und später am Laptop sieht man wie schwach sie wirklich sind…na ja aller Anfang ist schwer, aber ich bin jetzt gerüstet und harre der Dinge, die da kommen mögen.

Technik, die begeistert…


Ich komme soeben vom Berg – frustriert! Nachdem sich die morgendliche Skitour aufgrund von einem Bier-Sonderangebot in der Svalbar beim Max nach hinten verschiebt, wollte ich das wenige Licht wenigstens nutzen, um ein paar Fotos zu machen. Schließlich bin ich jetzt stolzer Besitzer einer Nikon D80 und eines 15 € Hama-Stativs, welches jeden Cent überlegt in Plastik investiert hat. Ich also vollmotiviert alles Gerödel zusammen gesucht, viel zu viele Sachen angezogen (im Moment herscht hier eine unglaubliche Hitzewelle und nur wenige Grad minus) und los den Hang hoch. Erster Platz, umgeschaut, ne, noch ein wenig höher. Schnauf. Es ist ja nicht so, dass eine Rolltreppe einen hier den Berg hochbringt, aber für ein Foto nimmt man ja manchmal gerne was auf sich. Ok, Licht gut, Aussicht blendend. Stativ ausziehen, ausrichten, Kamera drauf – was ist denn mit dem Display los?! Verdächtig dunkel alles…also noch mal von vorne: Wieder Aus und noch mal An…wieder nichts. Auch nach dem zehnten Mal ändert sich nichts und langsam aber sicher beschleicht mich ein blödes Gefühl: Argh, der Akku ist alle!!! Na toll, wenigstens noch mal kurz die Aussicht genießen und wieder runter den Hang, ohne ein einziges Foto gemacht zu haben…Fängt ja supi an der Tag, mal sehen was noch kommt…
Anmerkung der Redaktion: Bilder sind vom letzten Versuch...

Mittwoch, 28. Januar 2009

Alles wie immer und doch anders

Als ich am Freitag ziemlich überrumpelt nach vier Stunden Flug und Schlaf in Spitzbergen in die neue Ankommenshalle trat, war es da. Dieses komische Gefühl in der Magengegend -irgendwie riesige Freude, dass ich wieder hier bin, dass es endlich wieder los geht und doch trotzdem es ganz anders sein wird. Symbolisch dafür steht die neue Ankunftshalle – sie ist wie die alte noch auf Spitzbergen und wahrscheinlich immer noch die einzige Flughafenhalle auf der Welt, wo man nicht sehr komisch angeschaut wird, wenn man sie mit einem Gewehr auf dem Rücken betritt, oder mit einem Helm und Gesichtsmaske! Trotzdem ist es etwas anderes als das alte 10 m² Zimmer in dem man plötzlich stand und das Gepäck irgendwie auch…
Gewöhnen musste ich mich auch erstmal dran, jetzt nicht in meine alte Heimat Brakke 13 zu laufen, sondern ein wenig vorher links abzubiegen – Brakke 3. Nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, aber zum einen meckere ich hier auf sehr hohem Niveau, zum andren war ich jenes von der alten Behausung gewohnt. Freitagabend bin ich gleich mal zum traditionellen Friday Gathering gelatscht und das gleiche hier – irgendwie ist es schon das gleiche, aber halt nicht dasselbe wie früher… Gefühle und Eindrücke verbindet man eben doch mit Leuten. Ein paar bekannte Gesichter hab ich aber doch noch getroffen. Ohne richtig angekommen zu sein, bin ich Samstag mit Max und seinen Homies mit Scootern zur gar hübschen Cabin Kapp Lilla aufgebrochen. Auch wenn’s dunkel war, es ist doch so schön das alles wieder sehen und erleben zu können. Ein wirkliches Zeitgefühl will in einer kleinen Hütte im großen Dunkeln nicht aufkommen und so haben wir geschlagene sieben Stunden Uno gespielt, nur vom kurzen Essen unterbrochen. Sieben Stunden mögen sich sehr lange anhören, waren an Gemütlichkeit kaum zu übertreffen. Allerdings wurde uns allen bös mitgespielt, denn nach 30 Runden wurde in Führung liegend Max beim Falschspielen erwischt…
Nach der grandiosen Uno-Session ging ich, kaum zurück am Sonntag in Longyearbyen, zum nächsten Exrem-Sport-Ereigniss: Kajak-Polo. Ok, Polo ist das auf den Pferden und Kajak das Ding aufm Wasser. Allwöchentlicher Treffpunkt ist das örtliche Multifunktions-Erlebnisbad, was durchaus auch für das traditionelle Weihnachtschwimmen mal in Betracht gezogen werden sollte. Naja, in das praktische Becken kommen dann 10 blaue Kajaks mit 10 wackeren Kajakfahren drin mit, 10 Spritzschutzen und 10 Schwimmwesten mit Nummern drauf ausgestattet– halt, ich vergaß die 10 Rugbyhelme und den 1 Plastikball. Im Prinzip geht es darum, den Ball auf der gegnerischen Seite durch ein in der Luft hängendes Tor zu werfen. Wie das Wort Kajak-Polo schon beschreibt, ist es bei dieser regionalen Sportart von elementarem Vorteil, wenn man auch Kajak fahren kann. Und da fängts an: Zuerst hat man ein langes Paddel in der Hand, wessen Blätter verdreht sind, aber das ist wohl Absicht. So muss man eine Hand festhalten beim Paddeln und die andere mitdrehen…soweit die Theorie. Allein der Einstieg in das Loch im Kajak ist reichlich unbequem, aber so lang man noch am Beckenrand ruht, stellt das kein Problem da. Die Probleme vergrößern sich, wenn man im Becken rumfahren will und das gehört zum Spiel halt dazu. Habe ich schon erwähnt, dass ich in meinem ganzen Leben vielleicht eine halbe Stunde mal in einem Kajak gesessen hab? Im ersten Spiel war ich mehr mit mir, dem Paddel und vor allem dem Kajak beschäftigt und hatte den Ball eher zufällig für geschätzte drei Sekunden. Im zweiten Spiel passierte das Unausweichliche, ich bin gekentert. Die Pros drehen sich mit einer eleganten Eskimorolle wieder nach oben, schütteln den Helm einmal und weiter geht’s. Naja – hat nicht ganz so geklappt mit der Rolle und auch nicht mit dem Eleganten und ich musste kopfunter aus dem Ding austauchen…hört sich schrecklich an, ists aber gar net. Das ganze Spiel ist eine Mordsgaudi und ich denk, wenn ich mal irgendwann Kajak fahren kann mach ich auch mal ein Tor! Bis dahin überlege ich mir auch noch, wie ich im Kajak sitzend den entsprechenden Klose-Gedächtnis-Salto zelebriere…
Montag stand ganz im Zeichen des Internets und der Eingewöhnung. Internetzugang in meinem Office musste her – ja ein eigenes Office, so was bekommt man hier, mit eigenem Computer!!! Die Arbeit soll ja auch am Effektivsten in einer netten Arbeitsatmosphäre sein, hab ich gehört…
Heute, Dienstag, waren alle UNIS Master-Studenten bei einem Lawinen-Training. Kleine Theorieeinführung von Ulli und Max und dann gings den ganzen Tag auf Scootern raus in das von CRYOSLOPE untersuchte Gebiet. Richtige und somit effektive Verschüttetensuche muss eben geübt werden. Wieder einmal wird man erinnert wie scheiße es ist, ohne Lawinenbeeper unterwegs zu sein. Die verbuddelten Testobjekte ohne Beeper haben wir beim Sondieren erst nach einer Ewigkeit gefunden. Da muss schon viel Glück dabei sein, wenn man so einen noch rechtzeitig findet. Viel besser ist es da halt immer noch gar nicht erst von einer Lawine verschüttet zu werden! Zur Entspannung am Abend kam mir dann das grandiose und meisterliche 5:1 der Bayern ganz recht! Gefehlt hätte nur noch das Feierabendbier, aber davor hat ja der Spitzbergencheffe die Alkoholkarte gestellt, die ich noch nicht hab…Ersatzweise kam dann der Marokkanischer Minztee, grüner Tee mit natürlichen Minzblättern in marokkanischer Tradition auf den Tisch. Die Aufschrift „Tea is rich in Antioxidants“ hab ich jetzt einfach mal positiv bewertet…
Morgen geht die Woche weiter (ach was) und ich freu mich wie ein Dackel auf sein Frolic was die nächsten Tage alles bringen werden. Zumindest will ich morgen oder übermorgen mal nach der Uni ne kleine Fotosession einlegen – mal sehen wie das wird.
Und weil ich grad noch hier bin, Papa, Gratulerer med dagen!!!

Montag, 26. Januar 2009

Ich bin wieder hier – in meinem Revier

Wie soll ich anfangen – soviel Zeit ist vergangen seit ich Spitzbergen im Juli 2007 tränenreich verlassen habe. Jedenfalls konnte ich danach nicht wieder in Mainz weiter studieren, dann hätte ich irgendwie nichts aus der ganzen Sache oben gelernt. Der Weg führte also nach Oslo – und der Weg war lang und beschwerlich. Die deutsche Demokratie kann einem aber noch so viele Steine, manchmal auch Felsbrocken, in den Weg legen – aufhalten kann sie einen Reisenden aber nicht!
Im August begann also dann mein erster Term in Oslo. Allerdings fällt hier einem auch nicht einfach alles in die Hände und so traf ich auf meinen alten Feind: die Physik. Das Problem an der Physik ist, dass sie auf sagenumwobene Weise mit der Mathematik angebandelt hat und, wenn man in beidem nur sagen wir mal „ voll ausreichende Grundkurskenntnisse“ hat, ist das schon mal nicht so berauschend. Quasi nach der Einführungsstunde stand ich vor dem Scherbenhaufen, der Vergangenheit heißt. Dank tapferem Lesen und noch viel tapfereren Rettungsversuchen von Tobias konnte der Gegner in dieser Schlacht aber niedergerungen worden. Täglich war ich in dieser Zeit irgendwo zwischen ’Ich hab’s endlich verstanden’ und ‚Ich versteh gar nichts mehr’…
Ich glaube ich habe im gesamten Term für meine 3 Kurse intensiver, effektiver und krasser gelernt als für die gravierende Mehrzahl meiner gesamten Kurse in Mainz! Man kann das jetzt negativ Mainz gegenüber sehen oder positiv gegenüber Oslo. Wahrscheinlich ist es aber einfach so, dass man natürlich wesentlich motivierter an etwas arbeitet, wenn man weiß wofür oder warum man es tut und ein Ziel vor Augen hat.
Der Vorteil an Oslo ist auch (von den schönen Norwegerinnen mal abgesehen), dass es ganz zufällig natürlich den Weg nach Spitzbergen extrem verkürzt und das nicht nur rein geographisch. Und so konnte ich das verwirklichen, warum ich eigentlich nach Oslo gekommen bin – den praktischen Teil meiner Masterarbeit auf Spitzbergen zu machen. Lawinen interessieren oder besser begeistern mich ja auch nicht erst seit gestern und so war ein passendes Thema schnell gefunden. Irgendwie schließt sich hier ein kleiner Kreis, denn Max, den ich im Dezember `07 beim Lawinenwarndienst in Innsbruck kennen gelernt und heiß gemacht hab auf Spitzbergen, ist jetzt ‚ganz zufällig’ mit Uli (den ich auch noch aus Spitzbergen kenn) für das Lawinenprojekt im Kühlschrank verantwortlich… Naja, hinzu kommt noch, dass meine Master-Supervisorin auch Verantwortliche für einen meiner Kurse die ich in Spitzbergen gemacht hatte, war, in dem ich - natürlich auch ganz zufällig - schon ein dreiwöchiges Lawinenprojekt hatte…die Welt ist halt doch ein Kaff!
Nach dem Semester in Oslo hab ich mich mal schöne zwei von meinen vier Wochen Heimaturlaub mit der Grippe ins Bettchen verzogen, worunter nicht nur meine Laune, sondern auch Olis und meine Powderträume derbe gelitten haben…
Den Weg zurück nach Oslo wurde dann mit dem ‚Luigi’ Golf vom Dödel gemeistert und vorher noch mal schön alles massiv eingekauft, was das Herz so in Norwegen vermisst. Erster Stopp Hamburg – Johannes, Anniken und Pia drücken, zweiter Stopp am Aldi auf Fehmarn – Wurst essen. Jungs, lass euch vom verlockenden Wurststand nicht blenden, die können sooft sie wollen ‚Beste Wurst der Welt’ draufschreiben wie sie wollen – die Wurst wird dadurch nicht besser, Weiße Haie darf man immer noch nicht mit der Angel fangen und wenn man von Norwegen nach Norden fährt kommt man nicht in die Antarktis (Soviel zur netten Unterhaltung mit dem Herrn Wurstverkäufer). Wesentlich aufregender als die beste Wurst der Welt war allerdings der dritte Stopp, die Insel Mön in Dänemark mit nördlich am Festland anschließender Steilküste Stevens Klint. Vierter Stopp, Schweden, Kaltwasserbadeanstalt anschauen, Kaffe fassen und schon sind Tobias und ich nach drei Tagen im Luigi in Oslo vorgefahren. Die Kehrseite meiner zweieinhalb Tage in Oslo war, dass nach dem Auspacken es fast direkt wieder zum Packen kommen musste, was mir ohne weibliche Unterstützung unheimlich schwer fiel. An der Ehre gepackt habe ich diese immens hohe Hürde aber souverän genommen.
Am Freitag hieß es dann schon wieder – kaum hat man mal dreimal im selben Bettchen gepennt – aufbrechen. Nach Norden – nach Spitzbergen! Hier bin ich also wieder. 18 Monate später hat sich hier einiges verändert – es ist wieder mal dunkel geworden im Kühlschrank. Trotzdem hatte ich eben beim Weg hoch zu meiner neuen Unterkunft (Brakke 3) irgendwie nicht das Gefühl gehabt, wirklich weg gewesen zu sein…

Morgen hoffe ich auch Internet zu bekommen, den ersten Bloggeintrag hochzuladen, zu schreiben was alles in meinen ersten zwei Spitzbergentagen passiert ist und warum man unbedingt eine Eskimorolle beherrschen sollte…
Obwohl ich eher auf Grönemeyer steh, will ich mit wahren Worten von Marius Müller Westernhagen schließen:

Ich bin wieder hier, in meinem Revier,
war nie wirklich weg, hab’ mich nur versteckt…

Donnerstag, 26. Juli 2007

Ti amo...

Der Sommerkurs ist zu Ende. War noch mal eine weiter geile Erfahrung, die ich hier oben machen durfte. Zuerst war ich allerdings mächtig traurig, als alle mit denen ich das Erlebnis Svalbard geteilt hab nach hause geflogen sind…aber dann musste ich auch wieder grinsen, da ich ja geblieben bin, mein Märchen noch nicht zu Ende ist und der Traum in Kapp Linné weiter ging! Nicht ohne Stolz kann ich abschließend vermelden, dass ich 50 %iger Bestandteil einer zwei Mann starken Bohrmannschaft war, die das zweittiefste Bohrloch in einem rock glacier (zu Deutsch: Blockgletscher) in Spitzbergen ever gebohrt haben!!!!



Doch zurück in Longyearbyen vergingen die letzten Tage fast wie im Flug wenn ich schlafe. Irgendwie ist aus meinem geplanten Packen vor Kapp Linné ja nix geworden, jetzt musste also mein ganzes Zimmer geleert werden und ich durfte nur 20 kg mitnehmen – Mission Impossible…auch nachdem zwei fette Kartons gefüllt waren, kam mir mein Zimmer immer noch relativ eingerichtet vor. Einen Tag und 1100 NOK später sind aus dem häuslichen Durcheinander mit gewissser Ordnung, das sechs Monate mein Heim war, steril saubere 10 m² geworden. Verdammisch im Januar sah mein Zimmer noch so hässlich und unbewohnt aus…
Jetzt ist das passiert, wovor ich die ganze Zeit ein wenig Angst hatte und ich es immer wieder und vor allen Dingen weiter vor mir her geschoben habe: Ich musste Spitzbergen verlassen! Ich habe diese große kleine Insel in einem halben Jahr dermaßen zum knuddeln gewonnen… Trotzdem denke ich, dass es richtig ist (leider schon war) jetzt adieu zu sagen, denn Mann soll immer gehen, wenn es am schönsten ist. So viele Erfahrungen und Erlebnisse werden für immer in meinem Herzen sein, wo immer es auch gerade schlägt. Ich werde wiederkommen und das ist nicht eine dieser Floskeln, die man zum Abschied noch so gerne anhängt. Ich muss sagen, dass ich mich hier oben pudelwohl gefühlt habe, auch wenn mir klar ist, dass ich hier nicht leben könnte. Mein himmlisch hässliches Bettzeug mit Sonnenuntergängen und Palmen am Strand wartet in einer unscheinbaren grauen Sporttasche auf dem Speicher von Brakke 13 auf mich. Es ist nur ein Abschied auf Zeit…Es ist immer schwer, das Gefühl des Abschieds zu beschreiben – als ich in den Bus stieg um von einem (neu gewonnenen kleinen) zuhause in mein andres zu kommen, war es irgendein Cocktail aus totaler Leere und ganz vielen Sachen, die ich mit dem verbinde, was ich gerade verlasse; auf jeden Fall war es Trauer. Selten habe ich mich so mies gefühlt…nicht nur dem armen Italiener gegenüber, der jetzt nach so vielen gemeinsamen Monaten noch eine ganze Woche alleine seine Pasta kochen muss. Das ist auch eine der tausend Sache, die ich auf jeden Fall in guter Erinnerung behalten werde: Wenn du jemandem erzählst, dass du quasi sein halbes Jahr lang jeden Tag Nudeln gegessen hast, werden dir meist nur ein paar bemitleidende Augen entgegen gucken (vielleicht bekommste von Verwandten noch 5 Euro für was „Anständiges zu Essen“…) – aber hier ist der Unterschied, der auch mir wenn ich noch so viele Male in Italien war, nicht bewusst war: Italiener kochen keine Nudeln – sie zelebrieren sie! Und jedes Mal, wenn die fertig abgegossenen Nudeln wieder im Topf landen und formvollendet mit Olivenöl beträufelt werden, strahlt dir das Gesicht eines Künstlers entgegen, der sein Werk vollendet hat. Allein diese Erfahrung, wäre die Reise wert gewesen!
Was habe ich noch gelernt? Natürlich habe ich, da ich ja „primär“ zum studieren nach Spitzbergen bin, auch ne Menge über Geologie gelernt; wobei ‚Menge’ als Begriff bei weitem nicht ausreicht. Ich habe einen ganz neuen Einblick erhalten, in das, was ich - um ehrlich zu sein - in Mainz oft als ziemlich aussichtslos und sinnfrei betrachtete…so zu sagen habe ich meinen Horizont erweitert (sagt das nicht der Vater zu seinem kleinen Sohn in ‚Ritter aus Leidenschaft’, als er ihn auf das Floß schickt?!). Also ganz im Erst, ich denke schon, dass ich jetzt mehr Plan vom Business (eigentlich will ich ja nur bus schreiben, aber dann versteht keinen was ich sagen will…) habe. Man kann meinen Fortschritt in Wissen und auch in Zielsetzung fürs Leben durchaus und ohne mit der Wimper zu zucken mit der Industriellen Revolution oder dem Wirtschaftwunder in Deutschland gleichsetzten. Klingt krass, war es aber auch. Was hab ich in sechs Monaten quasi Nordpol noch gelernt?
-25° müssen nicht immer kalt sein, +5° können aber scheiße kalt sein; einmal erfroren, frieren Zehen schneller (haben sie also ein Gedächtnis? Sind unsere oft mit Käse gleichgesetzten 10 Freunde also intelligente Lebewesen?); ob es draußen dunkel oder hell ist, kommt nicht auf die Uhrzeit, sonder auf die Jahreszeit an; ein Tag kann länger als 24 Stunden sein, eine Nacht ebenso, daher hört der Tag nicht mit der Nacht auf und diese nicht mit dem Tag – meistens jedenfalls…; in ein 10 m² Zimmer passt sau viel Zeug; sobald mehr Leute als die Person, die für Ordnung sorgt in dem Zimmer für länger als eine Stunde sind, gibt es grandioses Chaos (dieser Zustand kann bei einer Gesamtpersonenanzahl von drei – besonders wenn sie alle aus der gleichen Familie stammen – innerhalb von Minuten erreicht werden); wenn draußen ein Baby schreit, ist es meistens kein Ausgesetztes, sondern ein arktischer Fuchs; Möwen im Flug zu fotografieren ist eine verdammt frustrierende Angelegenheit; Norweger können kein gutes Bier brauen; wenn auf dem Wasser Eisberge schwimmen, kann man darauf schließen, dass das Wasser recht kühl ist; mehr Wellen machen mehr seekrank; je weiter du den Berg hoch läufst, desto weiter kannst du ihn auch wieder runterfahren; egal wie viel Uhr es ist, wenn es irgend möglich ist, gehste Ski fahren; es gibt keine Eisbären auf Spitzbergen! Alle die das Gegenteil behaupten, sind von den Tourismusbüros bestochen worden und die ominösen Fotos sind in unterirdischen Geheimlabors, die von Spitsbergen Travel gesponsert werden, entstanden…Eins möchte ich euch allen noch ans Herz legen: Wenn es draußen sehr kalt ist und ihr einen warmen Tee mitnehmen wollt – freut euch nicht zu früh! Zuerst versuchte ich es mit diesen Thermobeuteln für Siggflaschen mit der Erkennnis, dass der Tee zwar warm bleibt, aber die Gummidichtung bei ungefähr -10°C zufrieren kann… Ähnliches passierte mit den Mundstücken von Camelback-Trinkblasen. Trotz Neopren-Schlauch um den eigentlichen Trinkschlauch herum, kann das deppe Mundstück zufrieren, wenn nur ein Tropfen hängen bleibt. Und wenn das Mundstück nicht vereist, dann friert wenigstens der Reißverschluss des Neoprenschlauches zu, was einem dann auch nicht weiter hilft…einmal zugefroren kann man sie mit Atemluft zwar wieder auftauen, aber sobald man 5 Minuten nicht trinkt und den Reißverschluss nicht wieder bewegt, ist das Ding wieder zu – ein Teufelskreis also…Am mit Abstand frustrierendsten war allerdings die Erkenntnis, dass auch Thermoskannen zufrieren können. Nimmt man schon mal son schweres Gerät mit auf den Berg, freut man sich ja auch richtig auf den waren Tee. Zuerst versuchst du mit Handschuhen den Verschluss zum Drehen zu überreden, sollte das trotz aller Anstrengung nicht klappt, zieht man schon mal in Anbetracht des wärmenden Tees die Handschuhe aus. Doch auch mit Innenhandschuhen macht der Deckel keine Anstalten sich zu drehen – egal in welche Richtung. Mittlerweile sind die Finger auch schon so taub, dass man eigentlich weiß „man sollte die Handschuhe wieder anziehen“ und der warme Tee ist immer noch sicher geschützt vor der Kälte in seiner Thermosflasche. Einmal glaubte Marco meinen Thermoskannenverschluss-aufdreh-Fähigkeiten nicht so ganz mit dem Ergebnis, dass wir nach seinen gescheiterten Versuchen mit und ohne Handschuhen mit vier halb erfrorene Hände an einer vollen Thermosflasche mit warmen Tee drehten, zogen und drückten…es nützte nix! Also Kinder gebt fein Acht, wenn ihr sicher sein wollt überhaupt was zu trinken zu haben, immer mehr als eine Thermosflasche, Siggflasche oder Camelbag mitnehmen. Lustig aber wahr: Meine kleine 0,5 Liter stille Wasser Flasche, die ich mir schon auf dem Hinflug in Oslo gekauft habe, ist nie zugefroren. Allerdings war da der Tee auch nie lange warm…
Was will ich euch noch ans Herz legen? Aurora Borealis - Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als Nordlichter! Es fehlen einem schlicht die Worte, dieses Naturspektakel angemessen zu beschreiben.
Was werde ich vermissen? Sehr viel – keine Frage! Die Leute natürlich, denn meistens verbindet man ja eine Erfahrung an einem bestimmten Ort mit bestimmten Leuten. Hier kommt noch hinzu, dass die meisten ja schon irgendwie dieselben Interessen haben, sonst wären sie wohl an den falschen Ort geflogen. Vergleichen kann man es vielleicht am ehesten mit einer großen Konzertreise von Querflötenspielern und Querflötenspielerinnen, da haben auch offensichtlich alle dasselbe Interesse (zusätzlich zu dem vom Querflötenspieler an der Querflötenspielerin…). Was werde ich noch vermissen? Ich denke es sind vielmehr die kleinen Dinge, die man im Alltag zuhause schnell vergisst und oder gar nicht erst hat. Da ist zum Beispiel das Checken vom Wetter bevor ich raus gehe – und mit einer Regenjacke oder gar einem Schirm ist es da nicht getan gewesen. Oder aber das taube Gefühl in den Fingern, wenn man noch schnell ein Foto am Gipfel machen wollte…die Finger keineswegs mehr das machen, was sie sollen, nicht mehr die Fingertaschen im Handschuh treffen, und ganz besonders den stechenden Schmerz, bei dem einem der Atem fast stockt, wenn die Dinger wieder nach einer kleinen Ewigkeit zu sich kommen. Neben der Tatsache quasi jeden Tag draußen zu sein, fehlt mir jetzt schon die kleine Skitour am Nachmittag. Einfach Lawinenbeeper umschnallen, noch was Warmes zu trinken eingepackt, den allzeit bereiten Rucksack mit Schaufel, Sonde und Extraklamotten geschultert, Waffe hat der Johannes, die Skier vor der Haustür angeschnallt und dann den Puls von 0 auf 100 in 180° (Zitat Maris W.) hochschnellen lassen. Ja, das vermisse ich…

So liebes Tagebuch – das war mein Spitzbergen-Abenteuer. Das Abenteuer ist vorerst (!) zu Ende, doch die Erinnerungen werden bleiben. Schließen will ich nicht ohne meiner Besten Mama die ich je hatte, meinem Papa und nicht zuletzt dem Desterderz zu danken, weil sie mir geholfen haben und es ermöglicht haben, dass ich meinen Traum leben konnte und weiterhin kann.

Nimm nie die 2 wenn du die 3 bekommen kannst. Just go for it!

Samstag, 7. Juli 2007

Wenn jetzt Sommer wär..


Was ich bei den ganzen Rückblicken ganz vergessen hab, war eine Reihe an ausschweifenden Skitouren bevor ich nach Kapp Linné aufgebrochen bin.
An Johannes letzten Abend haben wir uns zu einer vorerst letzen gemeinsamen Skitour aufgemacht. Verdammisch, so eine fette Zeit geht vorbei, einfach nach der Uni für ne kurze Tour aufzubrechen. Morgens, mittags, abends, Montag bis Sonntag, 24-7. Nun also eine letzte Tschüss-sag-Tour…Eins der sechs streng rationierten Becks aus dem Heimatlande kam mit und hat sich auf den gewohnten Weg hinauf den Gletscher gemacht. Mir wird auch bewusst, mist, in Kürze muss ich auch diesen Weg gehen…und jetzt wo ich diese Zeilen niedertippe, wird mir schon ein wenig schwach ums Herz. Naja aber diese Tour haben wir nochmal richtig genossen, von A bis Z, von Alpha bis Omega. Und zum krönenden Abschluss der Tour konnte ich eines der wohl nördlichsten getrunkenen Becks genießen.


Am Tag der letzten Klausur (wo abgerechnet wird) haben wir, als alles geschafft war, hoch auf den Larsbreen, eine kleine Schanze gebaut. Zu dem befreienden Gefühl nach jeder Klausur kam noch die Leichtigkeit beim Flug eines jeden Vogels hinzu. Der einzige Unterschied vom Skisprung zum Flug eines normal begabten Vogels ist die Landung, die oft so unsanft und relativ plötzlich kam. Besonders die Disbegabtheit und Diskoordination von Körper, Kopf, Füßen und Skiern war bisweilen echt krass. Trotz dessen entstand manchmal eine Harmonie aller Komponenten und es sah fast gekonnt aus. Mitunter kam es zu recht lustigen Sprüngen, wenn man sich vorher etwas vornimmt und einen quasi auf der Schanze der Mut, das Gefühl für die Bewegung oder gar beides (ganz schlecht) verlässt. Vor allem bei Drehungen, wo man vor der Schanze schon mit der Bewegung anfangen sollte, kann so einiges schief laufen. Und schnell werden aus angepeilten 180° nur 90° und Mann stoppt recht ruppig quasi bei der Landung oder es werden einfach mehr als 180°, die aber das gleiche Stop(p)-Erlebnis mit sich bringen.


Eine weitere fette Tour, die ohne weiteres in die Top 5 von Spitzbergen einzuordnen ist, hab ich direkt vor Kapp Linné gemacht. Schon einige Male hab ich mich auf den Weg zum Nordenskiölden toppen gemacht, aber entweder haben wir uns anders entscheiden, eine andere Route gewählt oder aber das Wetter hat nicht weiter mitgespielt. Jetzt sollte alles klappen. Das geile am Berg, dass er nämlich ein bisserl höher ist als die Umgebung, ist man beim Aufstieg fast am bereuen - der dauert nämlich um einiges länger.

Unglaublich warm war die Sonne. Krass noch vor ein paar Wochen hab ich ganz schön was beim hoch latschen angehabt und jetzt…ein Woll-Longsleave und die Sonnenbrille! Ich kann mich an wenige Orte erinnern, wann ich mal sooooo weit sehen konnte - bis zum Nordpol und auf der andern Seite wieder runter. Von oben konnte ich noch mal mein kleines Tal bewundern, so klein aber fein; jedes Mal, wenn man irgendwohin läuft, sieht man wieder etwas Neues. Die erste rosa Blume am Wegesrand, ein paar frische Grashalme oder einfach nur die Banane vom letzten Herbst, die den Winter unterm Schnee verbracht hat. Aber wieder zurück zum Berg. Am Gipfel genießen wir nach dem ganzen Winter die warmen Sonnenstrahlen. Wenn Eivind nicht noch arbeiten müsste, ich wäre wohl noch auf dem Gipfel - bis die Sonne am Ende wieder untergeht. Aber trotz der ganzen Sonne und dem sich anbahnenden Frühling Schrägstrich Sommer, will und kann ich mich mit dem Gedanken (noch) nicht abfinden, Schnee wohl bis November oder gar Dezember nicht mehr sehen zu können, wenn ich diese Insel verlassen muss. Irgendwie werde ich beim Schreiben schon traurig. Komisch, aber auch das taube Gefühl in den Fingern, wenn man bei Wind und 10, 15 Grad Minus seine Felle oben am Berg abmacht fehlt, wenn man nicht fühlt, ob alle Finger wieder im Handschuh sind…und das schmerzende Kribbeln, wenn nach vielleicht zehn Minuten die Finger und Hände wieder auftauen. Man möchte am liebsten schreien, aber erstens hilfts ja nix und zweitens hört einen ja auch niemand…komisch, aber das sind Sachen, die mir wohl fehlen werden. Also wieder zum Berg zurück. Traumhaft…auch wenn der Schnee nach unten nicht mehr ganz so gut ist, wie noch vor oder nach Ostern, aber das Gesamtkonzept stimmte halt einfach total.

Lost in Translation


Endlich ists rum…so viel ist stehen und sitzen geblieben in den letzten Wochen, da weiß ich gar nicht, wo ich mit dem Nachholen anfangen soll.
Vielleicht bei der großartigen Cruise, die wir auf und mit der R/V Jan Mayen hatten. Man sollte ja denken, dass einem auf größeren Schiffen nicht übel werden würde – um es vorweg zu nehmen: dem ist nicht so, dem ist sogar gar nicht so! Und ist einem erst mal übel, ist es schon zu spät, denn die Seekrankheitstabletten wirken erst nach drei Stunden. Hat man diese drei Stunden erfolgreich ohne größere Nahrungsrückgabe überstanden, ist es allerdings noch nicht vorbei – jetzt wirken nämlich die Tabletten! Wie auf Droge fühlt man sich (es spricht der Fachmann) und verdammt müde wird man auch noch! Ich hab also mal so ziemlich 24 h auf der Brücke neben dem sich abwechselnden Kapitän aufm Sofa gesessen und konzentriert den Horizont angeschaut. In meine kleine Kajüte hätt mich keiner gebracht. Besonders schlimm war es in kleinen Räumen, wie zum Beispiel der Dusche. Duschen soll ja erfrischend, erholsam sein – kein Meter, kacke wurd mir übel…
Irgendwann war auch das durchstanden und ich konnte mich wieder meinem glücklichen Studentendasein widmen. Das ist echt Wahnsinn, die meisten Studenten (zumindest zuhause) haben wahrscheinlich noch nie was von den ganzen Bohrgeräten gehört, weder sie gesehen noch benutzt und wissen auch wohl nicht was man überhaupt damit anfangen kann. Ich schätze mich in der überglücklichen Situation, alles das gelernt, gesehen und auch benutzt zu haben.
Während der Cruise wurde durchgängig in sechs Stunden Schichten gearbeitet. Da ja 24 h die Sonne scheint und man auf dem Meer ohne Land in Sicht schnell mal vergisst wo links und rechts ist, kam es nicht selten vor, dass man einfach keinen Plan hat, ob jetzt für einen die Abend- oder Morgenschicht anfängt. Uhren mit Zifferblättern tragen nicht zur geistigen und körperlichen Orientierung bei…Mit großer Verzückung denke ich an einen kleinen Ausflug nach Ny Ålesund zurück, einer kleinen Forschungsstation verschiedener Nationen mitten im Nirgendwo. Doch obwohl der Schnee und die Gletscher eventuell den Schluss zuließen würden, dass das Wasser auch hier oben bei fast 80° Nord relativ kühl ist, wollte ich mich mit dieser einfachen Kombination nicht zufrieden geben und musste der Sache auf den Grund gehen. Zusammenfassend und abschließend kann ich jedoch vollstens den ersten Eindruck bestätigen – das Wasser ist echt sau kalt…

Zeitreise – Die Mama kommt mit dem Dödel
Gleich ein paar Stunden nachdem sie abends gelandet sind, habe ich sie noch mal in die alte Mine gezerrt. Doch nach einigen Metern muss sich die tapfere Mama einem für ihr hohes Alter angepasstem Tempo beugen. Obwohl es unglaubwürdig erscheint, wird mir versichert, ihre aktive Walking-Kariere im Ober-Olmer Wald sei noch nicht beendet…Zugute halten muss man ihr aber wirklich, dass der Schnee schon angetaut war und man so ziemlich tief einsinkt bei jedem Schritt, was die Sache an sich nicht gerade weniger anstrengend macht. Endlich sich den Hang (oder sollte ich respektvollerweise Berg sagen) hoch gequält, genießen wir die Mitternachtssonne zu später Stunde in unseren Gesichtern. Ich glaube, ich lebe in ihren Augen in einer verrückten Welt…

Nachdem das ja mit dem „Wandern“ schon ganz ok (sorry Mama, aber mehr kann ich dir echt nicht bescheinigen) gelaufen ist, machen wir uns am nächsten Tag zur Eishöhle auf. Vielleicht waren es ein, zwei Minuten länger, als die von mir versprochenen anderthalb Stunden, aber meine Überredungskünste und Beschwichtigungen, dass ich die Mama nicht zum Herzanfall treiben will, werden auf eine harte Probe gestellt…die Eishöhle geht wieder ab und beruhigt Körper, Geist und Seele. Auch wenn ich schon das dritte Mal da war, immer wieder wunderschön diese Eisformationen zu sehen. Doch irgendwie kann ich weder den Dödel (der mit Sicherheit zum ersten Mal in ihrem Leben brauner ist als ich) noch die Walking-Expertin ausm heimischen Wald für eine weitere Tour in den verbleibenden Tagen überreden. Die Ausrede Muskelkater seit vier Tagen von zwei Stunden stapfen zu haben kann ich nicht wirklich glauben…Insgesamt haben wir ein paar richtige schöne Tage auf meiner kleinen großen Insel.


Nach meinem Lawinen-Projekt kommt der unangenehmere Teil jeden Semesters – die Klausuren. Es wird mir wohl bis ans Ende meines Studiums ein großes Mysterium bleiben, warum immer alle Klausuren versuchen möglichst nah beieinander zu liegen, mit Romantik hat das reichlich wenig zu tun. Die Zeit in der ich lerne, lerne ich (ach was…); irgendwie gibt es aber zwei Lager: die einen waren wochenlang nicht mehr draußen, lernen die ganze Zeit wie Depp. Das Zweite Lager, was deutlich kleiner ist, lernt kaum was und versucht mir ständig zu erklären, dass es doch alles toooootal einfach ist und sie nicht verstehen würden, warum alle lernen. Wie so oft liegt das frowe Maase in der goldenen Mitte und Wilhelm Tell trifft den Apfel. Warum auch immer, jedenfalls gibt es am Ende nur drei Noten (2, 3, 4). Ob das jetzt daran liegt, dass es für die, die nicht gelernt haben so einfach war und / oder für die, die viel gelernt haben, so schwierig war, reiht sich nahtlos in die Liste Spitzbergens Mysterien ein. Ich hab die goldene Mitte und freu mich kugelig über all die Skitouren, die ich gemacht hab und andre nicht…am Ende wird abgerechnet (wie die Bräunungskette) und da muss ich sagen, hab ich alles richtig gemacht. Nach der zweiten Klausur hab ich eine Woche frei, die auch dringend von Nöten war.
Mittlerweile hat der Sommerkurs angefangen und wir sind nach Schießtraining, Einführung und kleiner Exkursion nach Kapp Linné aufgebrochen. In kleinen offenen und sau schnellen Polarcirkel Booten ging es in Survival-Ganzkörperanzügen ab in diese alte Radiostation, wo ich jetzt zwei Wochen lang untergebracht bin. Hier gibt es (zumindest für uns Studenten) keine Internetverbindung, also werde ich das Niedergetippte erst bei meiner Rückkehr in die Zivilisation der Stadt in Longyearbyen hochladen können. Wenn ich wieder in Longyearbyen bin, hat bereits die letzte Woche meines großen (Studium-)Abenteuers begonnen…ich will noch gar nicht dran denken. Ich genieße jetzt noch mal richtig meine zwei Wochen hier in Kapp Linné. Gestern Abend hab ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Wal gesehen! Eine Gruppe von ungefähr zehn Belugawalen patrulierte (wie schreibt man das…) keine 20 Meter vom Ufer entfernt, wo der Vogel stand…imposante Tiere und mit ihrer weißen Farbe tragen die noch zur „Imposantität“ bei. Geil, jetzt fehlt nur noch der Eisbär…